Freitag, 22. Oktober 2010

Requiem: Isis

Der Abschied einer Band, die bekannt für ihre rohe und brachiale Lautheit war, ging überraschend leise über die Bühne. So leise, dass ich erst vor Kurzem durch Zufall davon erfuhr. Ein Eintrag in ihrem Blog* war es, der das Ende von Isis verkündete, und obwohl diesem Blog-Eintrag mittlerweile über 200 Kommentare von bestürzten, traurigen, entrüsteten oder einfach nur dankbaren Fans anhängen, wurde die Trennung von Isis in der deutschen Musikpresse bestenfalls als Randnotiz geführt. Schade eigentlich, denn die Band stand zwar immer mit einem Bein im Untergrund, konnte aber dennoch recht erfolgreich fünf Alben, eine Live-DVD und diverse EPs an junge musikhungrige Menschen überall auf der Welt herantragen. Die fünf Jungs aus Boston konnten also nicht nur eine treue Fangemeinde für sich gewinnen, sondern auch eine konstant hohe Qualität in ihrem musikalischen Schaffen verwirklichen, was nach meiner Ansicht allein schon Grund genug gewesen wäre, der Band einen angemessenen Nachruf zu widmen.
Isis hatten es ohnehin nie leicht, wirklich Fuß zu fassen. Mit ihrer Mischung aus düsteren, atmosphärischen, langen Instrumentalparts waren sie den einen zu weich, die harten, schweren Riffs und die Growls des Sängers Aaron Turner waren anderen wieder zu hart. Ich selbst habe Isis erst mit ihrem vierten Album In The Absence Of Truth kennen gelernt, und es war eben diese Mischung, die mich letztlich überzeugte. Nachdem ich am Anfang zu den drei älteren und noch deutlich roheren Alben nur schwer Zugang finden konnte, höre ich diese mittlerweile fast lieber als die homogeneren beiden letzten Platten. Ihren Erfolg und ihre Bekanntheit konnte die band beständig ausbauen. So konnten sie beispielsweise im Jahr 2006 als Support Act mit Tool auf deren 10.000 Days Tour spielen, was ihnen, vor allem in Europa, nochmal einen deutlich höheren Bekanntheitsgrad einbrachte. Live habe ich die Band leider nicht gesehen. Hätte ich Ende 2009 gewusst, dass Isis da ihre letzten Deutschland-Konzerte spielen würde, dann hätte ich sie mir wahrscheinlich nicht entgehen lassen...
Begonnen hatte alles Ende der 90er Jahre, als Aaron Turner, Jeff Caxide und Aaron Harris die Band gründeten und einige EPs veröffentlichten. Später stießen dann noch Mike Gallagher und Jay Randall hinzu, letzterer wurde jedoch schon nach einem Jahr durch Cliff Meyer ersetzt. Im Jahr 2000 wurde das erste Album Celestial veröffentlicht. Dieses Album weckte das Interesse von Mike Patton, der die Band daraufhin bei seinem eigenen Label unter Vertrag nahm, wo dann alle weiteren Alben erscheinen sollten. Oceanic konnte den noch sehr rohen Sound ordnen und ist der erste sehr gute Höhepunkt im Schaffen der Band. Es folgte Panopticon (2004) mit einem deutlichen politischen Statement; es setzt sich kritisch mit dem Thema der permanenten Beobachtung und Überwachung auseinander, wie sie in den USA für Gefängnisse konzeptioniert wurde**. Im Jahr 2006 erschien mit In The Absence Of Truth ein meiner Meinung nach wichtiger Meilenstein moderner progressiver Musik. Diese Platte stellt auch einen Richtungswechsel in der musikalischen Entwicklung dar. Es wurden hier mehr Synthesizer-Klänge verwendet, um dichte sphärische Klangteppiche zu weben, die zwar den verzerrten Gitarren ein wenig die Härte nahmen, aber die Intensität der Musik weiter steigerten. Mit dem 2009 erschienenen Wavering Radiant, das sogar in die amerikanischen Billboard-Charts einziehen konnte, befanden sich Isis nun auf dem Gipfel ihres Erfolges.
Das schien für die Band auch ein Anlass gewesen zu sein, über den Fortbestand nachzudenken. In ihrem Blog heißt es sinngemäß, dass sie alles gesagt hätten, was sie als Band hatten sagen wollen, und dass sie es nicht verpassen wollen, einen würdevollen Abgang zu finden. Damit sagen sie aus, dass sie in ihrer Musik keinerlei Potenzial zur Weiterentwicklung mehr sehen, und dass ein Weiterführen der Band mit Sicherheit zu Stagnation oder gar Rückentwicklung führen würde. Ich finde das sehr schade, denn ich denke, dass Isis mit Sicherheit noch Potenzial gehabt hätte. Vielleicht hätte es eine kleine Pause auch getan, oder man hätte die Welt weiterhin auf Konzerten mit ihrem alten Material beehren können. Doch die Band war offenbar so konsequent in ihren Überlegungen, dass eine Trennung der einzig richtige Weg war.

In jedem Fall danke ich der Band für ihr 13 Jahre währendes Schaffen, dessen Früchte mich trotz ihrer Trennung noch lange erfreuen werden. Und wer weiß, vielleicht können wir von den einzelnen Protagonisten in anderer Konstellation ähnlich gute Musik erwarten.

Youtube: Isis -- In Fiction

*Blog-Nachricht vom Ende der Band
** Wikipedia-Eintrag zu Panopticon

Kommentare:

  1. Hey gut geschrieben,aber leider haste was durcheinander gebracht. 2002 wurde Oceanic veröffentlicht und 2004 panopticon.

    mfg
    stoffe

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  2. Danke für den Hinweis. Habs korrigiert...

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